Kontrovers: Echten Gründern ist die Unternehmensbewertung ziemlich egal

Angelehnt an einen Artikel von Roger Ehrenberg (Partner IA Ventures) behaupte ich, dass nichts schlimmer für ein Start-up ist, als zu optimistische Gründer, dessen Bewertungsvorstellungen verhindern, dass das Start-up überhaupt richtig live gehen kann.

Aus eigenen Erfahrungen und vielen Gesprächen heraus, weiss ich, dass die meisten GründerInnen vor allem ihre Anteile im Sinn haben. Denn: Anteile bedeuten Macht, bedeuten Einfluss- und Gestaltungsmöglichkeiten. Investoren würden diese Macht ja nur verringern. Sie sollen bittschön Geld geben, aber sich sonst aus allem raushalten.
Am besten wäre es da natürlich, die Bewertung (pre-money Valuation) so hoch wie möglich durchzusetzen, (um) gleichzeitig die Verwässerung sowie die Kontroll- und Mitspracherechte so gering wie möglich zu halten. Sozusagen eine win-win-Situation für den Unternehmer, aber eine lose-lose-Situation für den Investor herzustellen. Das das nicht funktionieren kann, sollte eigentlich jeder BWLer wissen, denn schon im ersten Semester wird ja das ökonomische Prinzip (Minimal- und Maximalprinzip) gelehrt, nach dem es keinen grösstmöglichen Erfolg bei geringsmöglichem Einsatz geben kann.

Ohne empirische Zahlen vorweisen zu können, behaupte ich zudem, dass die meisten Investmentverhandlungen an der Bewertung scheitern. Insbesondere in der Seed-Phase. Denn hier liegt ja im Grunde nur eine Idee vor und die Gründer sind daher besonders anfällig für Hirngespinste. Solange keine Hardfacts über das Business vorliegen, sind der Fantasie bzgl. Unternehmensbewertung keine Grenzen gesetzt.
Und auf der Suche nach der höchsten Bewertung (sog. Deal-Shopping), werden Investmentverhandlungen dann immer wieder hinausgezögert oder abgebrochen – getrieben in der Hoffnung, dass sich bald ein Investor findet, der den gründerseitigen Vorstellungen entspricht. Doch wenn man mal ehrlich ist: Der richtige Investor ist zumeist nicht der “highest bidder”. Doch um das zu verstehen verstreicht leider sehr wertvolle Zeit, und die fehlt, um das Business so richtig ans Laufen zu bringen. Schliesslich hat man noch immer kein Funding erhalten.
Dass die Investmentchancen und Bewertungsvorstellungen schwinden, je länger sich operativ nichts tut, sind sich leider ebenfalls die wenigsten Jungunternehmer bewusst. Gleiches gilt für den Fakt, dass sich nur die wenigsten Geschäftsmodelle zum Bootstrappen eignen. Wenn es um skalierbare Geschäftsmodelle geht, braucht es Geld. Sonst kommt man nicht voran.

Und selbst wenn die Entrepreneure dann endlich ihr Wunsch-Investment bekommen, ist eine hohe pre-money noch längst kein Erfolgsgarant. Jetzt sind die Gründer so richtig gefordert, dass das Unternehmen auch performt. Denn wenn es an die Folgefinanzierungen geht und sich herausstellt, dass die Zahlen des Business- und Finanzplans nicht erreicht wurden, schlägt sich das natürlich auf die neue Unternehmensbewertung aus. Und nichts ist schlimmer für einen Investor, wenn die pre-money der Folgerunde kleiner oder gleichgross mit seiner Initialbewertung ist. Dies ist dann ein zweifelloses Beispiel dafür, dass sich das Unternehmen nicht erfolgreich weiterentwickelt hat. Im schlimmsten Fall ergeben sich dann grosse Verwässerungsprobleme (sofern keine Ant-Dilution Klausel vorhanden ist) oder neue Investoren steigen erst gar nicht ein, da die Unternehmensbewertung zu teuer ist.
Ganz zu schweigen vom Vertrauensverlust des Investors den Gründern gegenüber.

Zudem sagen 80% Gründeranteile vs. 20% Investorenanteile ja noch längst nichts darüber aus, wer die tatsächliche Macht im Unternehmen hält. Mit Preferred Shares, Liquidation Preferences, Drag-Along-Rights, Vesting Regeln und Voting Rights (+ Sitze im Beirat) kann der Investor eine ganze Menge Einfluss nehmen, auch wenn er nur 20% hält, also weniger als man für eine Sperrminorität benötigt.

Wenn man sich all dieser Problemfelder bewusst ist, müsste man sich doch eigentlich die Frage stellen, ob eine hohe Unternehmensbewertung wirklich so viel Sinn macht? Wäre es nicht besser sein Augenmerk auf die Terms zu legen, die das Investment begleiten?
Oder sich nur auf die Investmenthöhe zu konzentrieren? Denn allein schon aus wettbewerbstechnischer Sicht ist es doch besser, CHF2 Millionen zu raisen bei 40% Anteilsverlust und dann mit dem vielen Geld ordentlich Gas zu geben, statt alle sechs Monate aufs Neue eine “kleinere” Finanzierungsrunde zu stemmen. Es ist ja auch besser bspw. 30% von 10 Mio. Exitwert zu halten, statt 90% von gar nichts! Daher sollte man lieber den Kuchen gross werden lassen, als sich über kleine Stücke zu streiten!

Kurzum: Zwei Fragen sollte sich jedes Gründungsteam stellen: (1) Sind wir ein Wealth-Maximising Team oder ein Business-Building Team? Und (2): Sind wir für unser Start-up nicht die grösste Gefahr?

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HSG-Familie aufgepasst: Ihr gründet oder wollt gründen? Die Universität St.Gallen (HSG) unterstützt Euch dabei. Das HSG Gründer Lab und das Center for Entrepreneurship (CfE-HSG) sind Eure Ansprechpartner. Zögert nicht auf uns zuzukommen. Hier findest Du alle Informationen.
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